Ein Teil von Mir
Mein Bruder, meine Mutter und ich.

Als ich fünf Jahre alt war sind meine Eltern, polnische Immigranten, mit mir und meinem kleinen Bruder nach Deutschland gezogen. Sie sind sehr jung Eltern geworden und hatten kein leichtes Eheleben, doch sie haben sich die größtmögliche Mühe gegeben, dass es uns Kindern an nichts fehlte. Wir hatten immer gute Kleidung, genügend zu Essen, schöne Urlaube und jede Menge Besuch von Freunden, Bekannten und Verwandten Zuhause. Es schien das perfekte Familienleben zu sein, doch das war es nicht.

Heutzutage, viele Jahr später, sind es häufig immer noch Tabu-Themen öffentlich über Fehler, Schicksalsschläge oder tiefgreifende Probleme zu sprechen. „Es ist komisch, Privates mit fremden Menschen zu teilen.“ Diese Ansicht teile ich nicht. Ich möchte Menschen mit in das reale Leben nehmen, in die schönen aber auch traurigen Momente, in die lustigen oder auch anstrengenden Momente. Denn nichts ist schlimmer, als das eigene Leben als eine Scheinwelt zu verkaufen.

Das ist der Grund, weshalb ich Euch meine Geschichte erzähle.

Während meiner Kindheit habe ich schlimme Phasen durchlitten. Ich habe viele Ehekrisen meiner Eltern miterleben müssen, verbale Gewalt hat mir das Gefühl gegeben nicht geliebt und gewollt zu werden und die autoritäre Erziehung meiner Eltern hat mich verängstigt. All diese Erfahrungen haben zu psychischen und physischen Krankheiten und zu vielen Schuldzuweisungen meinen Eltern gegenüber geführt. Vor allem meinem Vater habe ich für viele Dinge die Schuld gegeben. Es ging sogar soweit, dass ich jahrelang keinen Kontakt zu ihm hatte. Doch heute weiß ich, dass das der falsche Weg war. Meine Eltern waren selbst Opfer einer autoritären und überaus strengen Erziehung. Im Endeffekt haben sie es so weitergegeben, wie sie es selbst erfahren und gelernt haben. Heute weiß ich das einzuordnen und habe ihnen verziehen. Ich liebe sie.

Jedes Kind liebt IMMER seine Eltern, wirklich immer.

Ein Teil von Mir
Mein Bruder und ich.

Meine Jugend war leider nicht weniger einfach als meine Kindheit. Ich war ein sehr ruhiges Mädchen (heute noch kaum vorstellbar) und kam ohne richtige Deutschkenntnisse in eine Schule. Dort erfuhr ich verletzende Ablehnung und Kritik. Es klingt wie in einem Film, doch die Realität bestand darin, dass ich die meiste Zeit auf der Schultoilette verbracht habe, mein Schulbrot in Mülleimer geworfen oder ich selbst bespuckt wurde und mir gegen meinen Willen die Haare abgeschnitten wurden. Kinder können fürchterlich grausam sein und ich war für sie das perfekte Opfer.

Ich habe Halt und Trost bei meinen Eltern gesucht, doch sie haben zu viel mit ihren eigenen Problemen zu tun gehabt und sehr viel Zeit mit Ihrer Arbeit verbracht. Je schlimmer die Tage in der Schule wurden und je weniger ich eine Schulter zum Anlehnen gefunden habe, desto größer wurde das Gefühl von Leere in mir und die Sehnsucht nach Aufmerksamkeit. Zu diesem Zeitpunkt erlitt meine Familie einen schweren Schicksalsschlag. Meine Mutter war schwer krank  und wir wussten nicht, ob sie diese Krankheit überleben würde. Wenn ich an diese Zeit zurückdenke erinnere ich mich an so viele Tränen von ihr und Verzweiflung. Doch sie hat es geschafft, ihre Krankheit besiegt. Bis heute ist meine Mutter die stärkste Frau die ich kenne, einfach eine Kämpferin. Nach diesen quälenden Monaten schien es eine Zeit lang so, als würde es bergauf gehen. Zuhause wurde mehr gelacht, ich bekam nicht nur abwertende Blicke, sondern auch Liebe, ich ging auf ein Gymnasium und bekam Freunde. Eben ein ganz normaler Alltag.

Dann kam die Pubertät – wer kennt sie nicht.

Ein Teil von Mir
Mein Bruder (15 Jahre alt ) und ich (18 Jahre alt)

Die Pubertät hat mich völlig verändert. Ich wurde eine Rebellin und das ruhige Mädchen war Geschichte. Das Streiten meiner Eltern wurde mir zu viel, den Schein zu wahren war ich nicht mehr bereit. Ich habe Aufmerksamkeit gesucht und gefunden. Leider auf eine Art und Weise mit der ich mir selbst geschadet habe. Ich habe angefangen mich selbst zu verletzen und Essstörungen haben mich bis zu meinem 22 Lebensjahr täglich begleitet.

Was soll ich sagen, es war ein Weg der mir die Aufmerksamkeit brachte die ich so viele Jahre versucht hatte zu bekommen. Meine Eltern machten sich richtige Sorgen um mich, ich war für sie nicht mehr unsichtbar. Doch was ich damals als Erfolg empfunden habe, führte mich nur in einen seelischen und physischen Abgrund. Ich verlor völlig den Bezug zu mir selbst. Natürlich hat das keiner mitbekommen, ich wusste ja, dank meiner Erziehung, wie man Geheimnisse für sich bewahren kann und andere Menschen nicht an den eigenen Sorgen teilhaben lässt. Die schöne heile Welt blieb bestehen, zumindest nach außen hin. In mir selbst war nichts mehr in Ordnung. Ich habe mich bis zu 10 mal am Tag erbrochen und zeitgleich geklaut, um Nahrung zu finanzieren. Ich belog alle um mich herum. Zur Schule bin ich längst nicht mehr gegangen und blieb somit sitzen. Ich blieb sogar ein zweites und drittes Mal sitzen. Meine Eltern mussten mich zwingen den Realschulabschluss zu machen – glücklicherweise. Alles war aus den Fugen geraten, einfach alles. Ich war am Tiefpunkt meines Lebens angekommen.

Ich ging auf Partys und schminkte mich meinem Alter entsprechend völlig unangemessen. Damit füllte ich die Leere in mir, zumindest eine Zeit lang. Ich fing an eine perfekte Lügnerin zu werden. Niemand sollte mitbekommen wie lange ich schon der Bulimie verfallen und dadurch innerlich völlig zerbrochen war. Meine Mutter ging mit mir von Arzt zu Arzt und Psychologe zu Psychologe und ich tat so als würde ich mich über ihre Hilfe freuen. Doch in Wahrheit war ich glücklich krank zu sein. So hatte sie zumindest Zeit für mich und musste nicht arbeiten. Ich hatte ihre volle Aufmerksamkeit.

Eine Zeit lang rettete mich eine frische Liebe.

Eine Liebe zu einem Jungen mit dem ich zusammen zog und die Zeit genossen habe. In dieser Zeit zerbrach jedoch die Ehe meiner Eltern komplett und meine Mutter zog aus. Mein Vater und mein Bruder blieben allein. Das setzte mir so sehr zu, dass ich alles zurücklies und weg ging. Im Nachhinein kann ich sagen, dass ich nur vor mir und meinen Problemen weggelaufen bin. Für die Außenwelt sah es allerdings so aus als würde eine junge Frau einfach ins Ausland gehen und Karriere machen. Ich hatte Glück im Leben und die besten Jobs die man sich vorstellen kann. Zuerst habe ich ein Jahr in Griechenland verbracht und dann habe ich 3 Jahre lang als Stewardess die schönsten Länder bereist. Innerlich war ich allerdings immer noch die Lügnerin mit Selbstzweifeln und Selbsthass. Immer wenn ich in den Spiegel schaute, hasste ich mich und war unzufrieden. In den Hotels weinte ich mich vor lauter Einsamkeit in den Schlaf oder kotzte auf der Toilette, weil ich zu viel gegessen hatte und mich wieder bestrafen musste.

In der Liebe hatte ich leider viel Pech. Je mehr ich mich nach echter Liebe sehnte, desto schlimmer wurden die Männer mit denen ich zusammen war. Ich ließ mich sogar schlagen und habe all den Schmerz ertragen, bloß um nicht allein sein zu müssen. Ich wollte so sehr geliebt werden. Selbst ein Kopftuch habe ich für einen wirklich schlechten Mann eine ganze Weile lang als Anpassung getragen.

Und dann kam er – mein Mann.

Ich möchte kein Mitleid oder auf die Tränendrüse drücken, sondern Euch einfach mehr von meinem Leben erzählen. Über viele Jahre haben mich Ängste, Gefühle, meine Krankheit und Schicksalsschläge fest im Griff gehabt. Doch es gab einen Wendepunkt – vor 10 Jahren. Ich habe meinen Mann getroffen.

Ein Teil von Mir
Mein Mann und ich 2010

Mein Mann lernte mich als schön zurecht gemachte, lebensfrohe Stewardess kennen. Von meinen unüberwindbaren Selbstzweifeln ahnte er natürlich lange nichts. Doch wir lernten uns näher kennen, bauten eine Beziehung auf und ich vertraute ihm. Mehr als jedem anderen zuvor. Er lernte meine Fehler, Macken und Sorgen kennen und hat mich trotz allem geheiratet. Mich, die Frau die sich so lange selbst verloren hatte. Er hat sich in mich verliebt wie ich bin. Er ist es der, der mich mit seiner bedingungslosen Liebe gerettet hat. Ich werde niemals das Gefühl vergessen als wir unser erstes Kind bekommen haben und ich meinen Sohn Milan das erste Mal sah. Es war Liebe auf den ersten Blick und er füllte mein Herz so sehr mit Liebe aus, dass ich es nicht in Worten beschreiben kann. Bei meinen beiden Mädels war es natürlich genau dasselbe unbeschreibliche Gefühl. Die tiefgreifende Liebe hat mein Glück perfekt gemacht. Ich konnte mich wieder spüren und habe gelernt, dass egal wie ich bin, ich geliebt werde. Ich hab gelernt mich nicht verstellen und lügen zu müssen nur um anderen zu gefallen. Ich bin selbstsicherer geworden und glücklich wie ich bin.

Ab und an kommt es dann doch mal vor, dass mein Mann mich beim Flunkern erwischt. Das ist irgendwie immer noch ein lästiges Anhängsel aus Angst vor Kritik. Doch er baut mich auf und sagt immer wieder verständnisvoll, dass ich das bei ihm nicht tun muss, ich so sein kann wie ich bin. Er und meine Kinder haben mich zu einem besseren Menschen gemacht – sie haben mich aus dem Sumpf voller Selbsthass und Sehnsucht nach Liebe gerettet.

Heute kann ich wirklich sagen, dass ich ein glücklicher Mensch bin.

Ein Teil von Mir

Die bedingungslose Liebe meiner Familie hat mich gestärkt und tut es immer noch jeden Tag. Meine Eltern sind nicht mehr die Schuldigen für mich, sie sind mein Reichtum. Ich Liebe sie. Mein Handeln und meine Denkweise haben alles verändert, mich und mein Leben. Ich habe keine Scheu davor Fehler zuzugeben, Menschen an meinen Sorgen und Ängsten teilhaben zu lassen oder die Realität zu präsentieren.

Meine Instagram Leidenschaft

Mit Instagram fing ich vor zwei Jahren als Hobby in der Schwangerschaft an. Es war ein Ventil an schlechten Tagen und eine Art Selbstreflexion. Aber schnell merkte ich, dass mir der Austausch mit anderen Menschen gut tut. Heute möchte ich vielen Frauen Mut machen und sie zu mehr Selbstliebe und Wertschätzung motivieren. Ich möchte zeigen das Menschen fehlbar sind und daraus lernen können, zeigen wie wichtig bedürfnisorientierte Beziehung mit Kindern ist und wie bedeutend und prägend Liebe und Wertschätzung für alle Menschen ist. Viele Dinge habe ich hinter mir gelassen, doch oft muss ich selbst noch an mir arbeiten. Instagram ist immer noch ein Ventil und Austausch zugleich für mich und hilft mir sehr gut dabei, herauszufinden wer ich bin und wer ich sein möchte. Oder eben wer nicht. Es gibt mir Kraft Unterstützung anderer Menschen zu erfahren und ihnen selbst etwas mit auf den Weg geben zu können. Ich bin glücklich, dass ich das darf und inzwischen eine starke Frau mit Mut, Träumen und Visionen und möchte noch viel mehr erreichen. Heute, hier und jetzt, glaube ich endlich an mich und weiß, dass ich das schaffen kann.

Du kannst alles im Leben erreichen, wenn Du nur an Dich glaubst und echt bleibst.

Ich habe Euch diese Geschichte von mir erzählt, weil sie ein bedeutender Teil meines Lebens ist. All die Erfahrungen haben mich zu der Person geformt, die ich heute bin. Ich bin glücklich, denn ich will keine andere sein.

Liebe ist bedingungslos, Liebe ist das einzige was zählt.

Danke für’s Lesen
Eure Joschy